Auf der einen Seite ist die föderalistische Schule für mehr supranationale Entscheidungen. Für sie sollten die meisten Entscheidungen auf zentraler Ebene, von der Union, getroffen werden, um die Effizienz der Entscheidungsfindung zu verbessern, Skaleneffekte zu erzielen und negative Ausstrahlungen lokaler Entscheidungen zu vermeiden[11]. Die Theorie des Fiskalföderalismus sieht daher das Subsidiaritätsprinzip als Garantie dafür, dass die Entscheidungen auf zentraler Ebene getroffen werden, wenn die Politik der Union nachweislich vorteilebringen würde. Das Subsidiaritätsprinzip der EU wird in der Literatur als ausreichend ungebunden angesehen, um sowohl die Gedankenschule als auch den Ansatz zur Zentralisierung zu befriedigen (Golub, 1996; Teasdale, 1993; van Kersbergen und Verbeek, 1994)[12]. Der Vertrag von Lissabon hat 2007 das Subsidiaritätsprinzip als eines der Grundprinzipien der Europäischen Union festgelegt. In Artikel 3b heißt es: “Die Grenzen der Zuständigkeiten der Union richten sich nach dem Grundsatz der Übertragung. Die Nutzung der Zuständigkeiten der Union richtet sich nach den Grundsätzen der Subsidiarität und der Verhältnismäßigkeit.” [7] Seit dem Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon Ende 2009 spielen die nationalen Parlamente eine Rolle bei der Überwachung des Subsidiaritätsprinzips. Im Rahmen des so genannten Frühwarnsystems können sie mit Gründen versehene Stellungnahmen abgeben, wenn sie der Meinung sind, dass ein neuer Vorschlag der Kommission gegen das Subsidiaritätsprinzip verstößt (van Gruisen und Huysmans, 2020). [8] Im 1992 ebenfalls verfassten Vertrag über die Europäische Union (EUV) heißt es: “Entscheidungen werden so bürgernah wie möglich im Einklang mit dem Subsidiaritätsprinzip getroffen.” [5] Es ist auch erwähnenswert, dass aufgrund der Abschaffung der Säulenstruktur der EU der objektive Anwendungsbereich des Subsidiaritätsprinzips erweitert wurde, da in allen Bereichen mit Ausnahme der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik einschlägige Rechtsakte erlassen werden. Das Subsidiaritätsprinzip, das heute als einer der Hauptprinzipien der Union angesehen wird, wurde durch den Vertrag von Maastricht eingeführt. Sie bedeutete, dass die Gemeinschaft in Bereichen, die nicht in ihre ausschließliche Zuständigkeit fallen, nur dann tätig wird, wenn und soweit die Ziele der vorgeschlagenen Maßnahme von den Mitgliedstaaten nicht ausreichend erreicht werden können und daher aufgrund des Umfangs oder der Auswirkungen der vorgeschlagenen Maßnahme von der Gemeinschaft besser erreicht werden können. 1997 schlägt der Vertrag von Amsterdam ein Protokoll über die Grundsätze der Subsidiarität und der Verhältnismäßigkeit vor, in dem die Bedingungen für die Anwendung beider Grundsätze festgelegt werden.